Rückblick 7. Kongress der Sozialwirtschaft 2011
Unter dem Titel Den Wandel steuern – Personal und Finanzen als Erfolgsfaktor fand am 26. und 27. Mai 2011 in Magdeburg der 7. Kongress der Sozialwirtschaft statt. Veranstalter waren die Bank für Sozialwirtschaft, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege und der Nomos-Verlag. Rund 380 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten an den beiden Kongresstagen über aktuelle und künftige Herausforderungen für Unternehmen der Sozialwirtschaft.
In vier Hauptvorträgen und sieben Foren
stellten Expertinnen und Experten aus der Sicht von Wissenschaft und Praxis,
Beratung und Politik verschiedenste Aspekte der beiden Schwerpunktthemen Personal und Finanzen vor. Finanzierungsträger kamen ebenso zu Wort wie
freigemeinnützige und privat-gewerbliche Leistungsanbieter; inhaltlich reichte
das Spektrum von strategischen Fragestellungen bis hin zu konkreten
Praxiserfahrungen. Auch der Blick über den Tellerrand der Sozialwirtschaft kam
nicht zu kurz. Dafür sorgte vor allem Prof. Dr. Gunter Dueck, Chief Technology
Officer, IBM Germany, mit seinem Vortrag „Die zweite Revolution im
Dienstleistungssektor“.
Strategien des Personalmanagements
erforderlich
Gleich im Eröffnungsvortrag zum Thema Personal: Fachkräfte gewinnen und halten verdeutlichte Dr. Ulrich Walwei, Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, warum sich der Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren markant verändern wird: Die Besetzungsprobleme nehmen zu, der Wettbewerb um kluge Köpfe verschärft sich – und die Gründe dafür sind eher strukturell denn konjunkturell. Denn die demographische Entwicklung bringt es mit sich, dass in Zukunft die Zahl der aus dem Erwerbsleben Ausscheidenden nicht mehr durch nachrückende Generationen wird ersetzt werden können. Die entstehende Lücke sei nicht mehr durch eine höhere Erwerbsbeteiligung oder Zuwanderung zu kompensieren.
Dabei werde der Anteil schwer besetzbarer Stellen gerade bei sozialen Dienstleistern, die von steigendem Fachkräftebedarf ausgingen, überproportional zunehmen. Walwei forderte von allen Akteuren – Staat, Betrieben und den Arbeitnehmern selbst -, Personalreserven zu erschließen, d. h. Arbeitslose, Frauen, Ältere, Migranten und Teilzeitbeschäftigte stärker zu aktivieren. Er plädierte u. a. für eine Bildungsexpansion unter dem Stichwort „lebenslanges Lernen“, für eine Ausweitung der Arbeitszeiten von Frauen, für eine gesteuerte Zuwanderung sowie für Maßnahmen bei den Arbeitgebern: Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten, Förderung eines gesunden Alterns und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Finanzielle Handlungsfähigkeit unterschiedlich ausgeprägt
Im Vortrag Finanzen: Veränderte Rahmenbedingungen – Herausforderungen für die
Zukunftssicherung verdeutlichte Prof. Dr. Dr. Rudolf Hammerschmidt,
Vorsitzender des Vorstandes der Bank für Sozialwirtschaft AG, warum bereits
heute in Bezug auf die Zukunfts- und Investitionsfähigkeit eine starke Differenzierung
der Anbieter der Sozial- und Gesundheitswirtschaft zu erkennen ist: Während die
finanzielle Handlungsfähigkeit beim größten Teil der Unternehmen gewährleistet
sei und die Insolvenzquote insgesamt niedrig liege, hätten Unternehmen, die
sich strategisch falsch aufgestellt und am Markt vorbei geplant haben,
wirtschaftliche Probleme. Zur Orientierung könne man hier die Umsatzrendite und
die Eigenkapitalquote heranziehen. Hammerschmidt prognostizierte, dass sich die
sozialen Dienstleistungsmärkte künftig stärker aufgliedern werden in einen
reinen Wohlfahrtsmarkt, einen gemischt finanzierten Markt und einen
Privatmarkt. Der Wandel vom Anbieter- zum Nachfragermarkt vollziehe sich
aufgrund der Lage der öffentlichen Haushalte schneller als erwartet.
Unterschiedliche Aspekte der Schwerpunktthemen Personal
und Finanzen
Der Nachmittag des ersten Kongresstages bot den Teilnehmern die Möglichkeit, sich zu einem selbst gewählten Schwerpunkt ausführlich zu informieren. Sieben Foren standen zur Auswahl.
Das erste Forum Leistungen erbringen und Investitionen tätigen. Möglichkeiten der Förderung und Vergütung unter sich ändernden Bedingungen beleuchtete zunächst die aktuelle Lage der Finanzierungsträger und der Leistungsanbieter. Drei Praxisbeispiele stellten sich der Frage, ob ein kooperatives Management zwischen Finanzierungsträgern und Leistungsanbietern möglich ist.
Die ganzheitliche Betrachtung des Personalmanagements sowie die Gewinnung, Bindung und Qualifizierung von Mitarbeiter/innen als strategische Aufgabe stand im Mittelpunkt des zweiten Forums Von der Personalverwaltung zur Personalpolitik.
Sind Maßnahmen zur Reduktion der Personalkosten angesichts der Personalknappheit zielführend? Diese Frage wurde im dritten Forum Tarifpolitik und Vergütung zwischen Personalknappheit, Preiswettbewerb und Leitbild von bekannten sozialwirtschaftlichen Akteuren diskutiert.
Das vierte Forum beleuchtete das Thema Diversity Management: Mode oder Weg aus der Demographiefalle? durch die Beiträge „Wirtschaftlicher Erfolg durch gelebte Vielfalt – ein Perspektivwechsel“ und „Diversity Praxis konkret: Implementierung und Steuerung“ theoretisch und praktisch.
Drei
erfahrene Führungskräfte aus der Sozialwirtschaft diskutierten im fünften Forum
Voraussetzungen und Erfolgsbedingungen
langfristiger Investitionsfinanzierung die Sicherung der
Investitionsfähigkeit und die Finanzierung von Investitionen als
Führungsaufgabe. Die veränderten Voraussetzungen und Möglichkeiten der
Investitionsfinanzierung aus Sicht einer Bank und die Abhängigkeit der
Investitionsfähigkeit von der Rechtsform und der Unternehmensgröße waren
weitere Themen.
Das sechste Forum Das unternehmerische Risiko steigt zukünftig: Wirtschaftliche Tendenzen rechtzeitig erkennen und steuern beleuchtete die Ursachen und Gestaltungsmöglichkeiten der unternehmensinternen Gefährdung der wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit aus der Perspektive der Anbieter und aus der Perspektive der Finanz- und Beratungsdienstleister. Zudem wurden leistungsfähige Instrumente der Unternehmens- und Risikosteuerung vorgestellt.
Im siebten Forum Wirkungsorientiertes Controlling: Die Wirkungs- und Wirksamkeitsmessung gewinnt an Bedeutung standen nach einem Impulsvortrag zur Einführung in die Thematik Praxisbeispiele und technische Möglichkeiten von wirkungsorientiertem Controlling auf dem Programm.
Vereinfachung sozialstaatlicher Leistungen
sinnvoll
Die Sozialleistungsträger zwischen finanzieller Austrocknung und Daseinsfürsorge: Gibt es einen Ausweg? Diese Frage stand am Beginn des zweiten Kongresstages. Dr. Fritz Baur, Ehrenvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, stellte die These auf, dass Deutschland am Ende eines langen sozialpolitischen Weges angekommen und eine Umorientierung notwendig sei. Für alle Wechselfälle des Lebens seien im Lauf der Entwicklung des Sozialstaatssystems staatliche Hilfen entstanden. Dies habe zu einem zersplitterten „kausalen Kästchensystem“ geführt. Erforderlich sei es jedoch, ohne großen Aufwand ganzheitliche Hilfen anzubieten. Dazu gehöre auch, dass das Sozialrecht für die Bevölkerung durchschaubarer werden müsse. Baur forderte, einfachere Gesetze zu machen und die gesetzlichen Regelungen zu reduzieren. Die Handlungsnotwendigkeit zur Umgestaltung des Sozialsystems steige in gleichem Maße wie die Schulden.
Auf mittlere Sicht müsse eine Reihe von Rahmenbedingungen geändert werden. Hier nannte Baur u. a. ein späteres Rentenalter, eine höhere Quote älterer Beschäftigter, eine stärkere Gesundheitsvorsorge und vor allem ein System, das mehr auf die Bedürfnisse benachteiligter Gruppen (große Familien, behinderte und kranke Menschen) ausgerichtet werden müsse. Für den Normalbürger und dessen Risiken (Krankheit, Alter etc.) sollten eine Grundversorgung und eine Verpflichtung zur Selbstversorgung gelten.
Arbeitswelt muss sich neu definieren
Im letzten Plenumsvortrag beschäftigte sch Prof. Dr. Günter Dueck, Chief Technology Officer, IBM, mit der Fragestellung der kulturellen Auswirkungen von neuen Technologien. Die Automatisierung durch die IT und die Demokratisierung durch das Internet greife in alle Lebensbereiche ein. Auch das Gesundheitssystem werde durch die IT automatisiert. Das betreffe Assistenzsysteme in Gesundheit und Pflege ebenso wie Diagnosen, die Spezialisten z. B. in China mit Hilfe der IT besser stellen könnten als ein normaler Arzt. Dueck stellte die These auf, dass eine intelligentere Welt anspruchsvollere IT-Infrastrukturen brauche und prognostizierte eine Vervielfältigung der IT mit gravierenden Auswirkungen auf die Standardisierung und Rationalisierung der Arbeitswelt.
Der Kongress der Sozialwirtschaft erhebt den Anspruch das wichtigste Forum für Führungskräfte der Sozialwirtschaft in Deutschland zu sein. Dabei wird versucht politische Aspekte der Sozialpolitik, „Megatrends“ des Sozialen und der Branche mit betriebswirtschaftlichen Fakten zu verbinden. Wer sich und sein Unternehmen, seinen Verband oder seine Einrichtung auf eine ungewisse Zukunft vorbereiten will, der ist hier sicherlich richtig für entsprechende Impulse. Die angesprochenen Themenbereiche haben ohne Zweifel eine herausgehobene Relevanz für das Agieren der Sozialwirtschaft zwischen Staat und Markt. Darüber hinaus bietet der Kongress auch ausreichend Raum zum informellen Austausch und zum Fachgespräch mit gleichermaßen „Betroffenen“.
Gelegenheit dazu boten auch das Galadinner und die Preisverleihung des 7. Wettbewerbs Sozialkampagne der Bank für Sozialwirtschaft. Hier wurden innovative Werbekampagnen zu sozialen Themen mit Geldpreisen in Höhe von insgesamt 21.000,- Euro ausgezeichnet. Eine Dokumentation des Wettbewerbs ist unter www.sozialbank.de zu finden. Eine ausführliche Dokumentation des Kongresses erscheint in Buchform im Herbst beim NOMOS-Verlag. Eine kleine aber feine Ausstellung im Hotel-Foyer von Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind rundete das Bild ab.
Stephanie Rüth, Leiterin Public Relations, Bank für Sozialwirtschaft AG
Dr. Gerhard Timm, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (leicht veränderte Fassung eines Artikels in „Sozialwirtschaft aktuell“ vom Juni 2011)
